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Mittelbayerische Zeitung: Wer Kinder hat, fühlt sich und seine Leistung für die Gesellschaft selten gewürdigt. Das muss sich ändern. Leitartikel ...

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Mittelbayerische Zeitung: Wer Kinder hat, fühlt sich und seine Leistung für die Gesellschaft selten gewürdigt. Das muss sich ändern. Leitartikel ... (Politik und Gesellschaft)

Mittelbayerische Zeitung: Wer Kinder hat, fühlt sich und seine ...

Mittelbayerische Zeitung: Wer Kinder hat, fühlt sich und seine Leistung für die Gesellschaft selten gewürdigt. Das muss sich ändern. Leitartikel ...

Regensburg (ots) - Im Grunde war es eine rasante Entwicklung.
Gerade mal etwas mehr als 100 Jahre ist es her, dass Soziologen das
Konzept der Kindheit zu denken begannen. Dass die Gesellschaft zu
verstehen begann, dass Kinder mehr sind als kleine Erwachsene, dass
sie Freiräume ebenso brauchen wie Betreuung, Förderung ebenso wie
kreativen Spielraum. Die Kindheit war nicht mehr Vorbereitung auf das
erwachsene Erwerbsleben, sondern ein schützenswerter Lebensabschnitt
an sich. Viel hat sich seither verändert. Im Wechselspiel mit den
Anforderungen der industrialisierten Arbeitswelt und den
gesellschaftlichen Wert- und Moralvorstellungen wurden Kinder
ganztags institutionell betreut oder nur von der Mutter, war mal das
Ernährermodell und mal das Doppelverdienermodell der Idealfall im
Familienleben. Heute haben wir ein ausdifferenziertes
institutionelles Betreuungs- und Fördersystem von der Krippe bis zum
Hort, von der Frühförderung über die Hauptschule bis zum Gymnasium.
Dass dabei von politischer Seite in den letzten Jahren gerade im
Bereich der frühkindlichen Betreuung enorme Anstrengungen unternommen
worden sind, ist unbestritten. Auch die im neuesten Familienreport
Bayern veröffentlichten Zahlen zeigen dies deutlich: Waren es im Jahr
2007 in Bayern noch knapp 33 000 Kinder unter drei Jahren, die in
Kindertageseinrichtungen oder Tagespflege betreut wurden, so waren es
im Jahr 2013 mit fast 89 000 schon weit mehr als doppelt so viele.
Das große Ziel, das hinter diesem Kraftakt steht, ist die
Wahlfreiheit für Familien. Zum ersten Mal überhaupt haben wir die
absolute Individualität zur Maxime gemacht. Wer arbeiten will, soll
arbeiten können. Wer sich - zeitweise oder ganz - der Kinderbetreuung
widmen will, soll das können. Und das auch noch unabhängig von
Geschlecht, Alter oder Beruf. So viel Gleichberechtigung treibt - wie
beim jüngst eingeführten Betreuungsgeld - manch seltsame Blüte, die
allzu oft nach Förderung nach dem Gießkannenprinzip aussieht. Und
wirft die Frage auf: Soll und kann Politik das überhaupt leisten?
Alle Lebensentwürfe nicht nur gleich achten, sondern auch gleich
fördern und so die perfekte Wahlfreiheit schaffen? Dass die Antwort
auf diese Frage eher nein lautet, zeigt eine andere Zahl aus dem
jüngsten Familienreport: nur 27,9 Prozent aller befragten bayerischen
Eltern geben an, dass sich für sie Familie und Beruf gut vereinbaren
lassen. Für die überwiegende Mehrheit, nämlich 62,3 Prozent, sind
Energie und Geschick notwendig, um Familie und Beruf unter einen Hut
zu bringen. Solange es aber schwieriger ist, Familie und Beruf zu
vereinbaren als "nur" daheim zu bleiben oder "nur" zu arbeiten,
solange bleibt die propagierte Wahlfreiheit Makulatur. Daran kann die
Politik nur sehr begrenzt etwas ändern. Ja, sie muss den Rahmen
schaffen. Qualitativ hochwertige, bezahlbare und zeitlich flexible
Betreuungsplätze für Kinder aller Altersgruppen müssen eine
Selbstverständlichkeit werden. Das ist noch ein weiter Weg. Doch
daran, dass Kinder auch mal krank werden, dass durchwachte Nächte,
niemals schrumpfende Wäscheberge oder Schulsorgen zeitweise die
Leistungsfähigkeit von Eltern am Arbeitsplatz einschränken können,
daran kann auch die beste Familienpolitik nichts ändern. Und wieder
ist es eine Zahl aus dem jüngsten Report, die einen Hinweis darauf
gibt, was sich ändern muss, wenn wir es wirklich ernst meinen mit der
Wahlfreiheit für alle: Nur 44 Prozent aller Eltern haben das Gefühl,
dass ihre Leistung von der Gesellschaft wertgeschätzt wird. Es war
Anfang des 20sten Jahrhunderts, dass wir begonnen haben zu verstehen,
wie wichtig die Kindheit für die Menschwerdung ist. Vielleicht ist es
100 Jahre später Zeit zu verstehen, wie wichtig die Familien für die
Gesellschaft sind.
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Politik und Gesellschaft
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